Zwischen System und Spontaneität: Free Jazz in der DDR – auf Tournee in Mexiko
Ich reise im Oktober nach Mexiko! In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut darf ich in Guadalajara, Mexiko-Stadt und San Luis Potosí einem interessierten Publikum meine Arbeit zum Free Jazz in der DDR präsentieren, und hoffentlich auch mit ihm über das Gehörte diskutieren.
Im Zentrum steht eine Frage, die nichts von ihrer Kraft verloren hat: Wie kam es, dass in einem der autoritärsten Staaten des Nachkriegseuropas eine derartige aktive und populäre Free Jazz Szene entsand. Der Abend versucht nicht nur die Lebensrelität der DDR intelektuell nachvollziehbar, sondern auch musikalisch hörbar zu vermitteln.
Ich gebe Einblicke in eine Jazzkultur, die trotz politischer Restriktionen eine lebendige Szene hervorbrachte – und vor allem in die Menschen hinter der Musik: ihren Alltag, ihren Widerstand, ihre kreativen Strategien, sich Freiräume zu erschließen. Musikalisch begleitet wird der Abend von MOTUSNEU plus Susanne Stock, einem Ensemble, das die Tradition des DDR-Free Jazz aufgreift und in die Gegenwart überführt.
MOTUSNEU plus Susanne Stock: Die nächste Generation des ostdeutschen Free Jazz
Die Musiker:innen von MOTUSNEU sind zu jung, um selbst in der DDR musikalisch sozialisiert worden zu sein – und tragen deren Erbe dennoch weiter. Das in Leipzig beheimatete Ensemble teilt den geografischen wie den künstlerischen Geist seiner Vorgänger:innen; viele ihrer Dozent:innen und Mentor:innen waren selbst prägende Figuren der DDR-Jazzszene. Ihren freien, experimentellen Ansatz hört man auf dem aktuellen Album „Balgwege“ (Boomslang Records).
Susanne Stock, experimentierfreudige Interpretin zeitgenössischer komponierter Kammer-, Orchester- und Solomusik, fügt dem Ensemble eine harmonische Schicht hinzu – mal clusterhaft, mal in multiplen, sich kreuzenden Linien. Ihr Spiel ist geprägt von Improvisation, Detailverliebtheit und der Freiheit, Instrumente jenseits ihrer herkömmlichen Klänge zu erkunden.
Historische Anekdoten, lebendige Musik und der besondere Klang dieses Ensembles machen den Abend zu einem Erlebnis, das die Stimmung, den Widerstandsgeist und die kreative Energie einer Zeit spürbar macht, die bis heute nachwirkt.
Besonders aber freue ich mich auf das Gespräch danach: Wie ist es, freie Musik in einem autoritären Staat zu spielen? Welche Strategien entwickelten die Musiker:innen, um sich Freiräume zu erschließen – und was lässt sich daraus heute lernen? Ich bin gespannt, wie diese Geschichte in Mexiko klingt – und darauf, sie gemeinsam mit Ihnen zu diskutieren.